Samstag, 3. August 2013

Keine alten Zöpfe - TV Today

ZDF-Zweiteiler "Die Pilgerin"
Keine alten Zöpfe 


Visite im Mittelalter: TV TODAY besuchte die Dreharbeiten zum ZDF-Zweiteiler "Die Pilgerin" (soll Anfang 2014 laufen)

Kruzifix! Schon wieder Mittelalter? Nach den "Säulen der Erde", der "Päpstin" und der "Wanderhuren"-Trilogie, in der Sat.1 Millionen Zuschauer in eine sex-, crime- und klischeegesättigte Pappmaschee-Historie entführt hat, nimmt sich das ZDF nun der "Pilgerin" an. Die Vorlage für den Zweiteiler liefert erneut das "Wanderhuren"-Autorenpaar Iny Lorentz, die Gleichstellungsbeauftragten des Mittelalters.

Wer nun Schlimmes befürchtet, mag sich mit Blick auf die Namen der Macher beruhigen: Regie führt Philipp Kadelbach, der mit "Unsere Mütter, unsere Väter" das vielleicht beste Stück Fernsehen der letzten zehn Jahre abgeliefert hat. Auch die Liste der Darsteller beeindruckt: Volker Bruch, Jacob Matschenz, Josefine Preuß - alles hoch talentierte Jungschauspieler. Und weitere Gründe, sich die Produktion einmal aus der Nähe anzusehen. 

Schmutz, Gestank, Armut

Zweieinhalb Autostunden östlich von Prag liegt Burg Pernstein. Das pittoresk verwitterte Gemäuer bildet die Kulisse zentraler Szenen der "Pilgerin". Obwohl der Film u. a. in Frankreich und Spanien spielt, entsteht er komplett in Tschechien. "Wir haben in so ziemlich jeder Region des Landes gedreht, aber diese Kulisse ist eine der schönsten", erzählt Josefine Preuß. Sie spielt die Hauptfigur Tilla, eine freiheitsliebende Kaufmannstochter des 14. Jahrhunderts, die unschuldig unter Mordverdacht gerät und als Mann verkleidet zu einer abenteuerlichen Pilgerreise aufbricht.

In einem engen Winkel der Burg entstehen die Szenen, die vor Tillas Haus im fiktiven Städtchen Tremmlingen spielen. Die Mauern sind grün und schwarz von Moos und Schimmel. Vor dem nächsten Take kippen Helfer Erde und Holzspäne auf den Boden, die Maskenbilderin schminkt den Komparsen frische Dreckschlieren ins Gesicht.

"Wir wollen die Epoche so authentisch wie möglich erfahrbar machen", sagt die Producerin Verena Monßen. "Und das heißt: Schmutz, Gestank, Armut." Darin soll sich "Die Pilgerin" von all den Filmen unterscheiden, die das Mittelalter als Ritterspiel mit blinkenden Rüstungen und zarten Burgfräuleins inszenieren.

Haare ab für die Rolle

Die Detailverliebtheit, mit der Philipp Kadelbach und sein Team vorgehen, kann man im Burghof besichtigen, wo Arbeiter einen mittelalterlichen Markt aufbauen. Der hat nichts zu tun mit den gleichnamigen Volksfesten unserer Tage: Aus Holz und Sackleinen entstehen ärmliche, windschiefe Stände. Ein Helfer sprüht Schweinehälften und Innereien aus Schaumstoff mit Kunstblut ein, ein anderer drapiert ausgestopftes Federvieh zu einem wüsten Haufen. An lebenden Tieren sind für die Marktszene neben Pferden und Ziegen auch 200 Fliegen angefordert.

Die strengen Aromen jener Zeit darf Josefine Preuß in der nächsten Szene selbst genießen: Vor ihrem Elternhaus stößt Tilla um ein Haar mit einem Fischhändler zusammen. Kleindarsteller Ivo Novák trägt eine Kiste mit Karpfen vor dem Bauch. "Ganz frisch!", verspricht er. "So frisch wie dein Atem?", entgegnet Tilla. Als Regisseur Kadelbach Josefine Preuß auffordert, einen der Fische in die Hand zu nehmen, weigert sie sich: "Tilla mag keinen Fisch", stellt Josefine klar.

Sie brachte ja auch schon genug Opfer für den Film. Das erste waren ihre langen Haare, von denen sie sich zum Entsetzen vieler Fans für den Dreh trennen musste. "Vor allem körperlich fordert die Rolle viel: Ich musste Bogenschießen lernen und darf reiten", erzählt sie. Hinzu kommt die lange Abwesenheit von zu Hause. In drei Monaten Drehzeit habe sie es nur zweimal nach Hause geschafft: Briefkasten leeren, Blumen gießen, Freunde drücken und wieder los. "Noch hält sich das Heimweh aber in Grenzen. Ich fühle mich wie auf einer langen Klassenfahrt."

Dass Produktionen wie "Die Pilgerin" in Osteuropa realisiert werden, hat mit dem niedrigen Lohnniveau dort zu tun. Sechs Millionen Euro lässt sich das ZDF den Event-Zweiteiler kosten. Das entspricht in etwa dem Budget einer Folge von "Game of Thrones".

Mitte August werden die Dreharbeiten zur "Pilgerin" im Studio in Prag abgeschlossen. Anfang 2014 soll der Film dann laufen. Ein Meisterwerk wie "Unsere Mütter, unsere Väter" sollte man wohl nicht erwarten. Aber ein saftiges und atmosphärisch dichtes Abenteuer, das Klischees à la "Wanderhure" vermeidet. Oder einfacher ausgedrückt: Fernsehen, das richtig Spaß macht.

Christian Holst
Quelle: TV Today

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