Montag, 24. August 2015

Wir dürfen lachen (rtv)

Cover und rtv-Interview mit Josefine Preuß

Mit „Türkisch für Anfänger“ schrieb Josefine Preuß TV-Geschichte. Nach ernsten Rollen ist sie jetzt zum 5. Mal „Lotta“. Uns verriet sie, wie sie die Rolle sieht und warum wir Deutsche mehr Humor haben, als man glaubt.
Plötzlich ist sie beim "Du" - und es passt: Josefine Preuß ("Schloss Einstein", "Die Pilgerin", "Die Hebamme") ist im Interview nahbar und natürlich, charmant und deutlich.

"Ich hätt‘ sie gern als Freundin"
In "Lotta & das ewige Warum" sieht man Sie als junge Mutter, die sich zwischen Kind, Partner und Studium abstresst, dabei immer gut gelaunt ist und hinreißend aussieht. Ein Idealbild?
Josefine Preuß: Nein, ich hoffe nicht! Bitte! Nein, Lotta drehen wir ja nun schon seit über 5 Jahren, und wir verfolgen eine junge Frau auf dem Weg zum Erwachsenwerden … Das darf man nicht mit dem Zeigefinger sehen. Das ist einfach eine sehr charismatische Figur, die in jedem Teil der Filmreihe ihre Probleme hat und auch Probleme macht mit ihrem Helfersyndrom und damit allen auf den Sack geht. Im vierten Teil sehen wir sie beim Versuch, in einem spießigen Reihenhaus heile Familie zu spielen und zu proben. Dass das zum Scheitern verurteilt ist, ist klar, aber den Weg dahin wollen wir zeigen.

Sie sagen, Lotta sei charismatisch. Würde der Film ohne Josefine Preuß funktionieren?
Beim Casting damals waren auch andere Schauspielerinnen, und da gibt es bestimmt welche, die hätten das genauso – und anders gemacht. Aber ich bin natürlich verdammt froh, dass ich die Rolle spielen darf, weil mir die sehr ans Herz gewachsen ist. Ich mag sie. Sie ist schon ‘ne coole Lady. Ich hätt‘ sie gern als Freundin.

Würden Sie trotzdem etwas anders machen als Lotta?
Definitiv! Ich mach‘ auch alles anders. Ich werde nie zu Terminen RENNEN, weil ich unter Zeitdruck bin. Da bin ich viel zu sehr getimet und getaktet in meinem Tagesablauf. Ich bin Steinbock, ich könnte nie so viel Chaos haben und hoffen, dass alles gut wird. Ich brauch‘ schon ’nen Plan.

Die Lotta ist Ihnen ans Herz gewachsen. Es geht also weiter mit ihr?
Das find‘ ich so toll vom ZDF, dass wir so einen Vertrauensvorschuss bekommen haben, dass wir mittlerweile schon den 5. Teil abgedreht haben. Der kommt dann nächstes Jahr. Eigentlich ist es ja so: Man kuckt erst, wie so was läuft, kuckt auf die Einschaltquoten und Marktanteile … Aber ich glaube, Lotta ist auch beim ZDF ganz gern gesehen.

Könnte die Filmreihe Lotta sogar auf ihrem Weg bis zur Großmutter begleiten?
Das ist ja witzig! Wir haben schon drüber gesprochen. Die Filmreihe fing ja im Altenheim an, und in einer Drehpause hab‘ ich mit der Produzentin gejuxt, dass es doch eigentlich toll wäre, eine lebensbegleitende Rolle zu machen und Lottas Weg zu verfolgen, bis SIE im Altenheim ist. Das dauert zwar noch 50 Jahre, aber wir sind ja auf ‘nem guten Weg, mit fünf Teilen.

Können Sie die Figur Lotta mitentwickeln?
Jein … Wir haben gutbezahlte Fachkräfte (lacht), gute Drehbuchautoren. Mittlerweile hat fünf Geschichten derselbe Autor – Sebastian Orlac – geschrieben, der kennt mich jetzt einfach auch, und ich glaube, dass er, wenn er schreibt, im Hinterkopf eher mich sieht. Klar, wenn ich die ersten Fassungen lese, tauscht man sich aus, es gibt Drehbuchbesprechungen, und natürlich lass‘ ich auch Ideen einfließen. Aber ich übernehme jetzt nicht den Part des Schreibers. Dazu spiel‘ ich zu gerne!

Ein Blick zurück
Darf ich noch was zu „Türkisch für Anfänger“ fragen, oder nervt Sie das?
Nein, natürlich, fragen Sie! (lacht)

Wie sehen Sie heute den Erfolg der Serie? 

Ich bin ja großgeworden in dieser Serie, aber das liegt schon wieder zehn, elf Jahre zurück. Das ist Wahnsinn, wenn man diesen Zeitraum sieht. Ich fand es sehr, sehr mutig damals von der ARD, bzw. von Bora Dagtekin (Produzent, Anm. d. Red.), groß zu denken, auch, das Ganze fürs Kino zu adaptieren. Es war die erste deutsche Serie, die sich überhaupt auf die Leinwand gewagt hat. Es wurde dann der erfolgreichste deutsche Kinofilm 2012. Es war ein Riesen-Experiment, aber für uns alle gar nicht absehbar. Das hätte auch ganz anders laufen können. Aber schön, dass es so gelaufen ist, weil wir dadurch eine ganz andere mediale Präsenz bekommen haben und uns die Serie natürlich einiges ermöglicht hat – da darf ich wohl auch für die Kollegen sprechen. Ich habe die Serie geliebt und gemocht – das Multikulturelle, das politisch Unkorrekte mit echt krassen Texten manchmal (lacht). Es war ein mutiges Projekt, und dass es für alle aufging, ist wunderbar.

Das war ja ein Tabubruch damals …
Ja, und das war gut. Teilweise ist ja das Lachen in den Hälsen steckengeblieben, weil’s so bitterböse war. Aber wir Deutsche HABEN Humor, und das durften wir in dieser Serie auch zeigen.

Zicke oder Mäuschen, ernst oder heiter?
Noch weiter zurück: In „Schloss Einstein“ waren Sie ein eher negativer Charakter …
Negativ nicht mal. „Zicke“ würde ich sagen. Ich dachte immer: Prima, da bleibt mir ein bisschen Fanpost erspart, aber genau das Gegenteil war der Fall. Das war eine sehr beliebte Figur, die auch vom KIKA sehr groß aufgebaut wurde. Und ich hab‘ dann Fanpost bekommen, in der stand „Ich will so werden wie Anna!“ Und ich hab geschrieben: Bitte nicht! (lacht) Die Figur kam besser an als die grauen Mäuschen. Das ist sehr interessant zu beobachten.

Seitdem haben Sie zwar keine „grauen Mäuschen“ gespielt, aber doch überwiegend sympathische, „nette“ Charaktere. Macht’s mehr Spaß, die Zicke zu spielen?
Ich könnte nicht sagen, was mehr Spaß macht. Das Wichtigste für mich in meinem Job ist: So unterschiedlich wie möglich. „Türkisch für Anfänger“, dann die großen historischen Rollen in „Die Pilgerin“ und „Das Adlon“ – schön ist, wenn es sich überhaupt nicht gleicht. Das macht meinen Job aus.

Haben Sie nach den großen Rollen in den großen TV-Events überhaupt noch Lust auf Nebenrollen?
Definitiv!!! Das sag ich ja immer: Eine fein geschriebene, tolle Nebenrolle, in der man auch mal ausrasten darf, die auch im Gedächtnis bleibt durch prägnante Momente. Ich unterteile auch nie in Haupt- oder Nebenrollen. Das ist immer Ensemble! Jede Rolle ist für ein Projekt wichtig. Weil jede Rolle zum Erzählen der Geschichte beiträgt.

Und ernste und heitere Rollen – wie gewichten Sie da?
Der Wechsel ist wichtig. Gerade wenn man ein Drama gedreht hat, das ist schon eine schwere Dramatik, und die Stimmung am Set ist dann ein bisschen gedrückter, da liiiebe ich es, danach eine Pause zu haben und danach eine locker-leichte Komödie zu drehen. Das brauch ich dann für meinen Kopf, sonst würde ich irre werden in diesem Job.

Sie haben eine junge Ausstrahlung, wirken jünger, als Sie sind. Nervt das irgendwann?
(lacht) Ne, das hat mich eher genervt, als ich zwanzig, einundzwanzig war, wenn man sich sehr erwachsen vorkommt und den Ausweis zeigen muss. Aber mittlerweile finde ich das super. Mittlerweile ist das ein Kompliment. Ich werd‘ Anfang nächsten Jahres 30. Ich spinn mal weiter: Wenn ich mit 40 aussehe wie 30, ist das das Beste, was mir passieren kann. (lacht)
Lachen nicht vergessen!

In „Lotta & das ewige Warum“ scheint mir das Jugendliche manchmal einer chaplinesken Note zu weichen – etwa als sie in der Klinik aus Angst vor Entdeckung um die Ecke huschen …
Ja, gerade bei Komödie arbeite ich sehr gerne körperlich. Gerade wenn es eine Szene ist, in der  man nichts sagt, dann ist das, hm …– Slapstick ist zu viel gesagt, ich finde das ganz toll, wie du das ausgedrückt hast. Hoffentlich schreibst du das auch so …

Manchmal geht das im Film in Richtung Screwball …
Ja, mag ich sehr gerne.

Wird so ein leichter, „schneller“ Humor in Deutschland besser verstanden, als man denkt? Wird der deutsche Humor unterschätzt?
Ja, der wird total unterschätzt! Ich denke an „Heiter bis tödlich“ oder den „Tatortreiniger“ – wir haben guten, intelligenten, manchmal auch zynischen Humor. Das mag ich. Das können wir ruhig mehr zeigen. Wir dürfen ruhig über uns lachen, wir dürfen auch mal über unsere Geschichte lachen. Meine Generation und die danach – wir haben damit definitiv überhaupt nichts zu tun. Im Gegenteil – vieles kann man durch Humor auch besser verarbeiten, damit es im Gedächtnis bleibt. Aber wir dürfen lachen! Das dürfen wir einfach nicht vergessen.
Ein Blick nach vorn
Welche Rollen spielst du mit 40 oder 50?
Na, immer noch die jungen Mütter, hoffe ich. (lacht) Oder die ganz jungen Großmütter, mal kucken. Da mach‘ ich mir keinen Kopf. Ich weiß, es heißt immer in der Branche, dass es für Frauen schwer wird vom jungen Erwachsenen zum wirklich Erwachsenen, da bleiben die Rollen aus. Die Erfahrung hab‘ ich jetzt noch nicht gemacht. Es gibt in jedem Alter schöne Rollen und schöne Projekte. Aber da reden wir einfach drüber, wenn’s so weit ist und ich drei Jahre nichts mehr gedreht habe … (lacht)

Was eher nicht der Fall sein wird. Gibt’s konkrete Projekte?
Ja, ich bin ab kommender Woche in Tschechien, weil wir den zweiten Teil der „Hebamme“ drehen, worauf ich mich sehr freue. Im Oktober/November drehe ich einen Kinofilm. Darüber darf ich aber noch nichts sagen.

Wir sind gespannt. Hab‘ ich noch was Wichtiges vergessen?
Nö, alles gut. Die Leute sollen jetzt rausgehen und die Sonne genießen und am 3. September wieder vor dem Fernseher sitzen … (lacht)
Das Interview führte Matthias Roth

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